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Hakan Nesser
Autoreninterviews
 
 
 
Wally Lamb
Die Stunde, in der ich zu glauben begann
 
Verlag: Pendo
Original: The Hour I First Believed
Format: gebunden, 752 S.
ET: 03 / 2009
Preis: 22,95 €
ISBN: 978-3-86612-206-2
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Klapptext:
Erst vor Kurzem sind Caelum und seine Frau Maureen nach Colorado gezogen. Doch was ein Neubeginn für ihre Ehe sein soll, findet durch den Amoklauf an der Columbine Highschool ein abruptes Ende. Mitten in dem blutigen Massaker: Maureen, die den Anschlag versteckt in einem Wandschrank überlebt.
Traumatisiert flüchtet sie in eine eigene Welt – und zwingt so auch Caelum, sich seinen Ängsten zu stellen und jenes dunkle Rätsel seiner Herkunft zu lösen, vor dem seine Tante ihn zu schützen versuchte. Eine Tour de force durch die Abgründe der menschlichen Seele, mit der Wally Lamb sein erzählerisches Können und sein Gespür für die großen Themen des Lebens unter Beweis stellt.
 
Biographie:
Wally Lamb, geboren 1950, wurde durch seine beiden Romane "Die Musik der Wale" (1998) und "Früh am Morgen beginnt die Nacht" (1999), die in 15 Ländern erschienen, auch bei uns zum Bestsellerautor. Lange Zeit als Englischlehrer an einer Highschool an der Ostküste der USA tätig, gibt Lamb seit einigen Jahren in einem Frauengefängnis Kurse in Creative Writing und setzt sich auch politisch für eine Verbesserung der Bedingungen der Gefangenen ein. Wally Lamb hat drei erwachsene Söhne und lebt mit seiner Frau in Connecticut, USA.
 
Meine Meinung:
Wally Lamb macht den Leser mit einer widersprüchlichen, oft grausamen Welt bekannt – unserer eigenen Gegenwart – und das auf so eindringliche Weise, dass man wie gebannt immer weiter lesen muss.

Nach dem Amoklauf zweier Schüler an der Columbine Highschool, bei dem Schüler und Lehrer getötet werden, ist für Caelum Quirk und seine Frau Maureen nichts mehr wie es war. Maureen, die Krankenschwester an der Highschool ist, überlebt zwar den Angriff zusammengepfercht in einem engen Aktenschrank der Bibliothek, ist danach aber traumatisiert von den schrecklichen Ereignissen, die beinah auch ihr das Leben gekostet hätten. Caelum scheint es als sei auch Maureen mit den Schülern gestorben. Noch Jahre später ist sie kaum ein Schatten ihrer Selbst, ein überlebendes Opfer, seelisch am Ende und süchtig nach Tabletten. Der Umzug auf seine Heimatfarm nach Three Rivers scheint endlich wieder etwas Normalität in ihr Leben zu bringen. Doch Maureens Rückfall in die Sucht fordert ein grausames Opfer ...

Kaum einem Autor gelingt es auf solch beeindruckende Weise, das Innere seiner Protagonisten zu beleuchten. Wally Lamb verzichtet dabei auf einfache Schwarz-Weiß-Malerei. Seine Figuren sind widersprüchlich – gutmütig, ehrbar, aufopfernd, aggressiv, verletzend und grausam. Als Leser ist man sich nicht von Anfang an sicher, ob man die Figuren in Lambs Roman nun mögen oder verachten soll. Aber fast unbemerkt wachsen sie einem schließlich doch ans Herz und das so zaghaft und leise, dass man von dem Sog, der einen ergreift, zuerst kaum etwas merkt. Doch dann kann man das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen ...

Der Autor erzählt uns diese bewegende Geschichte in zwei Zeitebenen. In der einen verfolgen wir Caelums Gegenwart. In der anderen lernen wir durch Briefe und Tagebucheinträge seine Urgroßmutter Lydia sowie deren Großmutter Lizzy Popper kennen. Zwei starke Frauen, die große Beiträge zur Gründung des ersten reinen Frauengefängnisses neben der Farm in Three Rivers gegründet haben. Geschickt verbindet Wally Lamb die Geschehnisse des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit der Gegenwart, als Caelums Familiengeschichte auf sehr erschreckende Art in sein Leben tritt.

Neben dem grauenhaften Massaker an der Columbine Highschool hat Wally Lamb in seinem Roman auch andere wahre Begebenheiten eingeflochten, die die ganze Welt erschütterten. So schreibt er von den seelisch verstümmelten Überlebenden von Kriegen, über Rassismus, Frauenunterdrückung und Naturkatastrophen. Er erzählt von blindem Hass, von Aufopferung und Liebe. Doch „Die Stunde, in der ich zu glauben begann“ ist allem voran die Suche eines Mannes nach seiner eigenen Geschichte, nach seinem eigenen Ich, die Suche nach Gut und Böse und dem WARUM.

Wally Lamb hat ein außergewöhnliches Buch geschrieben. Es verstört, macht traurig, lässt uns nachdenken und versucht aufzurütteln. Sein Roman mag zum einen ein beeindruckendes Denkmal für die vielen Opfer zahlloser Katastrophen darstellen, zum anderen ist es ein Zeichen besonderen Engagements für gestrauchelte Frauen in Gefängnissen, für Verständnis und Freundschaft. Keine leichte Kost also und doch kann man sich dieser Geschichte einfach nicht entziehen.

In den neun Jahren, die Wally Lamb an diesem Roman gearbeitet hat, hat er auch viele seiner eigenen Gedanken als Vater und Mensch in diesem Buch festgehalten, Columbine, 9/11, New Orleans ... und hat damit eine Geschichte geschaffen, die keinen Leser unberührt lassen wird. Ein einzigartiges Buch, das fesselt, tief berührt und nachdenklich macht.

Fazit: Wally Lamb versteht es meisterhaft zu erzählen!
 
 
 
 
   
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